Stand der Studienlage: September 2026 · alle Quellen mit PubMed-Nachweis
Forschungsübersicht
AICAR ist kein Peptid, sondern ein Nukleosid: 5-Aminoimidazol-4-carboxamid-1-β-D-ribofuranosid, Summenformel C9H14N4O5, 258,2 g/mol, in der klinischen Entwicklung unter dem Freinamen Acadesin geführt. Es ist ein Zwischenprodukt der körpereigenen Purinsynthese und wird in der Zelle zu ZMP phosphoryliert, einem strukturellen Analogon des Adenosinmonophosphats. ZMP täuscht der AMP-aktivierten Proteinkinase (AMPK) einen Energiemangel vor und aktiviert sie — ohne dass die Zelle tatsächlich ATP verloren hätte (Corton et al., 1995).
Damit wurde AICAR zum meistgenutzten pharmakologischen Werkzeug der AMPK-Forschung — und 2008 zum bekanntesten Beispiel eines „Exercise Mimetic“: Narkar et al. (2008, Cell) zeigten, dass vier Wochen AICAR-Gabe bei untrainierten Mäusen Stoffwechselgene induzierte und die Laufausdauer um 44 % steigerte — ohne jedes Training. Diese Arbeit machte die Substanz für die Dopingforschung relevant und ist zugleich der Ausgangspunkt für die kritische Gegenfrage, die Richter und Ruderman (2008) im selben Jahr stellten: Können Trainingsmimetika Training ersetzen? Diese Seite trägt beide Seiten zusammen — einschließlich neuerer Befunde, nach denen AICAR auch AMPK-unabhängige Effekte hat.
Molekulare Architektur
Das Molekül besteht aus einem Imidazolring mit Amino- und Carboxamidgruppe, verknüpft mit einer Ribose. Es ist kein Fremdstoff: Die entsprechende Ribonukleotidform tritt als Zwischenprodukt der De-novo-Purinsynthese in jeder Zelle auf, weshalb AICAR im Urin gesunder Menschen endogen nachweisbar ist. Genau das macht die Dopinganalytik anspruchsvoll — Piper et al. (2014) bestimmten deshalb die 13C/12C-Isotopenverhältnisse des endogenen Harn-AICAR, um synthetisches von körpereigenem Material zu unterscheiden; Wang et al. (2024) entwickelten dafür ein zweidimensionales chromatographisches Verfahren mit Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie und prüften es nach niedriger Dosierung.
Die Aufnahme in die Zelle erfolgt über Adenosintransporter, die Phosphorylierung zu ZMP über die Adenosinkinase. Aus dieser Kette folgen die beiden Schwächen des Werkzeugs: Die Wirkung hängt von der Transporter- und Kinaseausstattung des Zelltyps ab, und ZMP beeinflusst als AMP-Analogon auch andere AMP-empfindliche Enzyme — AMPK ist nicht das einzige Ziel.
Wirkmechanismus laut Studien
- AMPK-Aktivierung über ZMP: Corton et al. (1995, European Journal of Biochemistry) prüften AICAR ausdrücklich als „spezifische Methode“ zur AMPK-Aktivierung in intakten Zellen — mit einem Fragezeichen im Titel, das bis heute berechtigt ist.
- Muskelstoffwechsel: Merrill et al. (1997) — im Rattenmuskel aktivierte AICAR die AMPK, phosphorylierte die Acetyl-CoA-Carboxylase, steigerte die Fettsäureoxidation und die Glukoseaufnahme. Das ist der klassische Dreiklang, der die Substanz als Trainingsnachahmer erscheinen lässt.
- Humandaten: Cuthbertson et al. (2007, Diabetes) — an 29 gesunden Männern steigerte AICAR akut die 2-Desoxyglukose-Aufnahme in den Skelettmuskel. Diese Arbeit ist der Beleg, dass der Mechanismus auch beim Menschen greift.
- Einordnung in die AMPK-Pharmakologie: Zhou et al. (2001, Journal of Clinical Investigation) — Metformin wirkt über dieselbe Kinase, auf anderem Weg; Niederberger et al. (2015, Sports Medicine) fassen AMPK-Aktivierung und Leistungsfähigkeit zusammen.
- Der AMPK-unabhängige Gegenbefund: Alshuweishi et al. (2025, Cells) — in 3T3-L1-Adipozyten hemmte AICAR nach 24 Stunden die insulinstimulierte Glukoseaufnahme, und zwar über einen AMPK-unabhängigen, ZMP-abhängigen Mechanismus; der mechanistisch andersartige AMPK-Aktivator 991 tat dies nicht. Wer AICAR als „AMPK-Aktivator“ einsetzt, misst damit nicht zwangsläufig AMPK.
Aktuelle Studienlage
Ausdauer und Muskelphänotyp
Narkar et al. (2008) bleiben die meistzitierte Arbeit: Ein PPARβ/δ-Agonist und Training steigerten gemeinsam oxidative Muskelfasern und Laufausdauer; AICAR allein genügte bei untrainierten Mäusen für +44 % Ausdauer. Richter und Ruderman (2008, Cell Metabolism) kommentierten dies im selben Jahr und ordneten ein, was ein solcher Befund für die Trainingsphysiologie bedeutet — und was nicht. Valero (2014) stellt AICAR in den Kontext pharmakologischer Ansätze zur mitochondrialen Biogenese.
Organprotektion und Krankheitsmodelle
Gan et al. (2026) — im Ischämie-Reperfusionsmodell der akuten Nierenschädigung milderte AICAR den Schaden über die AMPK-TXNIP-NLRP3-Achse und den Energiestoffwechsel; Chandrasekaran et al. (2024) — diabetische Polyneuropathie im Tiermodell, über Mitophagie; Fu et al. (2025) — liposomal verkapseltes AICAR in einem Hydrogel zur metabolischen Umprogrammierung von Makrophagen im Arthrosemodell; Li et al. (2024) — AICAR und Irisin aktivieren die AMPK-Sirt1-Achse in Herzmuskelzellen nach Infarkt.
Warum die Konzentrationen so hoch sind
AICAR wird in Zellkulturversuchen typischerweise im Millimolarbereich eingesetzt, während rezeptorwirksame Peptide im Nano- bis Mikromolarbereich arbeiten. Der Grund liegt im Prodrug-Charakter: Das Molekül muss erst über Adenosintransporter in die Zelle gelangen und dort durch die Adenosinkinase phosphoryliert werden, bevor ZMP überhaupt entsteht. Beide Schritte sind sättigbar und zelltypabhängig, und ein erheblicher Teil des eingesetzten Materials erreicht sein Ziel nie. Daraus folgen zwei praktische Konsequenzen für die Versuchsplanung: Der Substanzverbrauch je Ansatz ist deutlich höher als bei Peptiden, und Effekte, die erst oberhalb von zwei Millimol pro Liter auftreten, sollten besonders kritisch auf unspezifische Ursachen geprüft werden — etwa auf osmotische Belastung, pH-Verschiebung oder eine Veränderung des Adenosinstoffwechsels der Zelle, die mit AMPK nichts zu tun hat.
Die Doppelrolle der AMPK
Penugurti et al. (2024) beschreiben AMPK als Kinase mit gegensätzlichen Rollen in der Tumorbiologie: Je nach Kontext fördert oder hemmt sie Wachstum und Überleben von Tumorzellen und beeinflusst die Immunantwort in beide Richtungen. Für die Versuchsplanung heißt das, dass „AMPK aktivieren“ keine per se günstige Intervention ist, sondern eine kontextabhängige.
Regulatorischer Status
AICAR steht als Stoffwechselmodulator auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur. Neben den Isotopenverfahren für den Menschen existieren auch Kontrollstudien im Pferdesport (Wong et al., 2017). Als Acadesin wurde die Substanz in klinischen Programmen geprüft; ein zugelassenes Arzneimittel ist daraus nicht hervorgegangen.
Einordnung: AICAR neben anderen Stoffwechselwerkzeugen
| AICAR | MOTS-c | SLU-PP-332 | |
|---|---|---|---|
| Stoffklasse | Nukleosid, 258 g/mol | Peptid, 16 Aminosäuren | kleines Molekül |
| Angriffspunkt | AMPK über ZMP (plus AMPK-unabhängige Effekte) | Folat-AICAR-AMPK-Achse | ERR-Rezeptoren |
| Humandaten | ja, akute Glukoseaufnahme (Cuthbertson 2007) | Beobachtungsdaten | keine |
| Endogen vorhanden | ja — erschwert den Nachweis | ja | nein |
| Dopingstatus | verboten | verboten | verboten |
Die verwandten Moleküle im Sortiment: MOTS-c — dessen Wirkmechanismus ausdrücklich über die Folat-AICAR-AMPK-Achse beschrieben wird (Cuyàs et al., 2022) —, SLU-PP-332 und 5-Amino-1MQ.
Für die Versuchsplanung
- Zweiten AMPK-Aktivator mitführen. Nur wenn ein mechanistisch anderer Aktivator (etwa aus der Klasse der direkten allosterischen Aktivatoren) denselben Effekt erzeugt, ist er AMPK-vermittelt (Alshuweishi 2025). Sonst misst man ZMP.
- AMPK-Knockdown als Gegenprobe. Für zentrale Befunde ist der genetische Nachweis unverzichtbar; AICAR allein belegt keine AMPK-Abhängigkeit.
- Zelltyp entscheidet. Aufnahme und Phosphorylierung hängen von Adenosintransportern und Adenosinkinase ab; Muskelzellen, Adipozyten und Hepatozyten reagieren unterschiedlich — im Fettgewebe sogar gegenläufig (Alshuweishi 2025).
- Expositionsdauer festhalten. Akute (Minuten bis Stunden) und chronische Gabe (Tage) erzeugen verschiedene Ergebnisse: akut Glukoseaufnahme ↑ (Cuthbertson 2007), chronisch in Adipozyten ↓ nach 24 Stunden.
- Endogene Grundlinie beachten. AICAR kommt im Organismus vor; Messungen brauchen eine Vorwert-Bestimmung, und der Nachweis einer externen Gabe gelingt nur isotopisch (Piper 2014).
- Löslichkeit prüfen. Als Nukleosid löst sich AICAR in Wasser, nicht nach Peptidprotokoll; Stammlösungen filtrieren und die tatsächliche Konzentration photometrisch prüfen, statt sie aus der Einwaage anzunehmen.
Forschungsanwendungen
AICAR wird in der biomedizinischen Forschung in verschiedenen Kontexten eingesetzt: (1) AMPK-Signalwegforschung als pharmakologischer Standardaktivator; (2) Glukoseaufnahme und Fettsäureoxidation in Muskelzellkulturen; (3) Modelle mitochondrialer Biogenese und oxidativer Faserumwandlung; (4) Ausdauer- und Trainingsmimetik-Modelle im Tier; (5) Ischämie-Reperfusionsmodelle an Herz, Niere und Gehirn; (6) Adipozytenstoffwechsel und Insulinsignalgebung; (7) Entzündungs- und Makrophagen-Stoffwechselreprogrammierung; (8) analytische Methodenentwicklung — Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie zur Unterscheidung endogener und exogener Herkunft.
Stammlösung und Konzentrationen
Die Rechenbeispiele beziehen sich ausschließlich auf die Laborpraxis, nicht auf eine Anwendung an Mensch oder Tier.
| Ansatz | Konzentration | entspricht (bei 258,2 g/mol) |
|---|---|---|
| 25,8 mg in 10 ml | 2,58 mg/ml | 10 mmol/l — übliche Stammlösung |
| 1 : 10 verdünnt | 0,258 mg/ml | 1 mmol/l — Zwischenverdünnung |
| typische Endkonzentration in vitro | 0,1–2 mmol/l | deutlich höher als bei rezeptorwirksamen Peptiden |
Der hohe Konzentrationsbedarf im Millimolarbereich ist eine Eigenschaft des Prodrug-Mechanismus und ein Grund, Vialgrößen großzügig zu wählen. Die aktuellen Preise stehen in der Kaufbox oben auf dieser Seite; der Preis je Milligramm wird dort live berechnet.
Qualität: Warum Reinheit und Identität belegt sein müssen
Bei einem Nukleosid sind die Prüfpunkte andere als bei Peptiden. Die HPLC-Reinheit ab 98 % erfasst Syntheserückstände und Abbauprodukte; die Massenspektrometrie belegt die Sollmasse von 258,2 g/mol. Kritisch sind zwei Punkte: die Unterscheidung vom freien Basenanteil (dem Imidazolcarboxamid ohne Ribose, 126,1 g/mol) und der Wassergehalt, da Nukleoside hygroskopisch sein können und die Einwaage dadurch systematisch zu hoch ausfällt. Bei Arbeitskonzentrationen im Millimolarbereich wirkt sich beides direkt auf die eingesetzte Stoffmenge aus.
Jede ALPHASYNTH-Charge wird per HPLC auf Reinheit und per Massenspektrometrie auf Identität geprüft. Das Certificate of Analysis (COA) ist der Bestellung zugeordnet und über die Vial-Prüfung anhand der Chargenbezeichnung abrufbar; die Übersicht aller Berichte steht unter Laborberichte. Wie ein COA gelesen wird, erklärt der Fachartikel Certificate of Analysis richtig lesen.
Spezifikationen
| Wirkstoff | AICAR — 5-Aminoimidazol-4-carboxamid-1-β-D-ribofuranosid (Acadesin) |
| Stoffklasse | Nukleosid — kein Peptid |
| Summenformel | C9H14N4O5 |
| Molekulargewicht | 258,2 g/mol (aus der Summenformel berechnet) |
| Wirkprinzip | Prodrug: Aufnahme über Adenosintransporter, Phosphorylierung zu ZMP, AMPK-Aktivierung; zusätzlich AMPK-unabhängige ZMP-Effekte |
| Vorkommen | endogenes Zwischenprodukt der Purinsynthese; im Urin natürlich nachweisbar |
| Reinheit | ≥ 98 % (HPLC), Identität per Massenspektrometrie |
| Form | Weißes bis cremefarbenes Pulver |
| Menge pro Vial | laut Angabe in der Kaufbox |
| Qualitätskontrolle | HPLC, MS, COA je Charge, Chargennummer auf dem Vial |
| Verwendung | Research Use Only — nicht für Mensch oder Tier; WADA-verboten (Stoffwechselmodulatoren) |
Lagerung & Haltbarkeit
| Pulver, −20 °C | bis zu 36 Monate, trocken und lichtgeschützt |
| Pulver, Raumtemperatur | mehrere Monate; vor Feuchtigkeit schützen |
| Stammlösung, −20 °C | in Aliquots mehrere Monate; nicht wiederholt auftauen |
| Stammlösung, 2–8 °C | wenige Wochen; wässrige Lösungen vor Gebrauch sichtprüfen |
Ansetzen der Lösung
- Gefäß auf Raumtemperatur bringen, bevor es geöffnet wird — Kondenswasser verfälscht die Einwaage.
- Einwaage auf einer Analysenwaage; AICAR wird im Millimolarbereich eingesetzt, kleine Wägefehler wirken sich daher weniger stark aus als bei Peptiden, der Wassergehalt dafür umso mehr.
- In sterilem Wasser oder Zellkulturmedium lösen; bei höheren Konzentrationen leicht erwärmen und schwenken, nicht schütteln.
- Sichtkontrolle: Die Lösung muss klar sein; ungelöste Partikel bedeuten, dass die tatsächliche Konzentration niedriger liegt als berechnet.
- Sterilfiltrieren (0,22 µm) und in Einzelportionen aliquotieren.
- Konzentration und Datum auf jedem Aliquot notieren, bei −20 °C lagern.
Für die Umrechnung von Masse, Konzentration und Volumen steht der Rechner bereit.
Konzentrationen in publizierten Studien
Zur Einordnung der wissenschaftlichen Literatur — keine Anleitung.
| Modell | Applikation | Befund | Quelle |
|---|---|---|---|
| Rattenmuskel | in vitro und in vivo | AMPK ↑, Fettsäureoxidation ↑, Glukoseaufnahme ↑ | Merrill 1997 |
| Untrainierte Mäuse | 4 Wochen, oral | Laufausdauer +44 % | Narkar 2008 |
| Gesunde Männer (n = 29) | akute Gabe | Glukoseaufnahme in den Muskel ↑ | Cuthbertson 2007 |
| 3T3-L1-Adipozyten | 24 Stunden | insulinstimulierte Glukoseaufnahme ↓, AMPK-unabhängig | Alshuweishi 2025 |
| Maus, Nierenischämie | Reperfusionsmodell | Schaden gemildert (AMPK-TXNIP-NLRP3) | Gan 2026 |
| Mensch, Urin | Isotopenverhältnis | endogen und exogen unterscheidbar | Piper 2014; Wang 2024 |
Versand & Handling
- Versand per DHL aus Deutschland, Lieferzeit innerhalb Deutschlands in der Regel 1–3 Werktage, in der EU 3–5 Werktage
- Diskreter Versand, keine Produktbezeichnung auf dem Paket
- Das Pulver ist für den Transport bei Raumtemperatur stabil; nach Erhalt trocken und kühl lagern
- Chargennummer auf dem Vial, Certificate of Analysis (COA) je Charge abrufbar
Weiterführende Fachartikel
- MOTS-c — das Peptid, dessen Mechanismus über die Folat-AICAR-AMPK-Achse beschrieben wird
- SLU-PP-332 · 5-Amino-1MQ — kleine Moleküle im Energiestoffwechsel
- Certificate of Analysis richtig lesen — was ein COA belegen muss
- Rechner — Einwaage, Konzentration und Volumen umrechnen
Warum ALPHASYNTH™?
- Belegte Reinheit: Jede Charge mit HPLC-Analysezertifikat und massenspektrometrischer Identitätsprüfung
- Rückverfolgbarkeit: Chargennummer auf dem Vial, COA je Bestellung über die Vial-Prüfung abrufbar
- Sichere Lieferung: Diskrete Verpackung, versichert, EU-weiter Versand per DHL aus Deutschland
- Fachkundiger Support: Technische Fragen beantwortet unser Forschungsteam
- Quellenstandard: Jede Studienangabe auf dieser Seite trägt einen PubMed-Nachweis — auch die AMPK-unabhängigen Gegenbefunde
Alle Produkte von ALPHASYNTH™ sind ausschließlich für wissenschaftliche Forschungszwecke bestimmt. Nicht für den menschlichen oder tierärztlichen Gebrauch.






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